Die Evolution von Kindheit, Persönlichkeitsstrukturen und Überich in Deutschland - eine Skizze

 

Von Dr. Ralph Frenken

 

Einleitung

 

Im folgenden möchte ich einen Überblick - eine grobe Skizze - über die Evolution von Persönlichkeitsstrukturen und Überich geben, wie sie anhand der Untersuchung der 20 historisch ältesten deutschen Autobiographien vom 13. bis 17. Jahrhundert rekonstruiert werden kann. Diese Autobiographien wurden andernorts innerhalb von zwei detaillierten Untersuchungen zur Rekonstruktion der Eltern-Kind-Beziehungen verwendet.[1] Im vorliegenden Artikel liegt der Schwerpunkt etwas anders: Es sollen die Persönlichkeitsstrukturen der Autoren, insbesondere unter dem Aspekt des Über­ich, rekonstruiert werden. Hierzu werden allerdings nur n=6 Autobiographen des obengenannten Samples exemplarisch untersucht, die am Ende des Artikels in drei verschiedene Persönlichkeits-Kategorien eingeteilt werden. Es handelt sich hierbei um die Borderline-, die narzißtische und die neurotische Persönlichkeit.

Die ersten deutschsprachigen Autobiographien finden sich im Umfeld der Erlebnismystik.[2] Der Mystiker Heinrich Seuse (geb. um 1295) gilt gewöhnlich als der Verfasser der ersten deutschsprachigen Autobiographie, aber bereits vor Seuse haben einige Mystiker Autobiographien hinterlassen bzw. in ihre religiösen Schriften autobiographische Passagen eingeflochten.[3] Nach den Autobiographien aus dem mystischen Umfeld folgte - historisch gesehen - im 15. Jahrhundert die Entwicklung der säkularen deutschen Autobiographie. Burkard Zinks Lebensbeschreibung, die Teil einer größeren Chronik ist, gilt als erste moderne deutsche Autobiographie und enthält eine Darstellung seiner Kindheit und Jugend, der Lehrjahre und der Gründung einer eigenen Familie.[4]

Der vorliegende Artikel basiert auf der psychohistorischen Annahme, daß die Geschichte der Kindheit als Geschichte des Wandels der Eltern-Kind-Beziehungen zu betrachten ist. Demnach bringt ein derartig gedachter Wandel ständig historisch neue Persönlichkeiten mit neuen Überich-Konfigurationen hervor, die historisch neue Beziehungsformen, neue Traumata und neue psychische Verarbeitungsmechanismen entwickeln. Diese theoretischen Annahmen sollen einer empirischen Prüfung zugeführt werden.

Die hier auszuführende empirische Skizze umfaßt folgende Schritte: Zunächst wird das Konzept des Überich grob dargestellt und sein Zusammenhang mit Persönlichkeitsstrukturen und internalisierten Objektbeziehungen herausgestellt. In Anlehnung an Kernberg werden dann die drei genannten Persönlichkeitstypen prototypisch skizziert. Jede der drei Persönlichkeitstypen wird durch historische Vertreter aus dem Sample der Autobiographen kurz illustriert. Dabei werden die drei Persönlichkeitststrukturen in einer ordinalen Reihe geordnet hinsichtlich des Grades psychischer Integration. Das bedeutet, daß die am wenigsten integrierten Persönlichkeitsstrukturen bei den Borderline-Persönlichkeiten zu finden sind, die narzißtischen Persönlichkeiten demgegenüber integrierter sind und die Neurotiker den höchsten Grad an psychischer Integration aufweisen. Letztere zeigen also die reifsten Abwehrmechanismen, den höchsten Grad an Empathie und Einfühlungsfähigkeit und die reifsten zwischenmenschlichen Beziehungen.

Abschließend werden alle n=20 Autobiographen (aus Raumgründen ohne weitere Argumentation) in das Ordnungsschema eingeteilt. Dabei wird der historische Wandel der Persönlichkeitsstrukturen aufgezeigt.

 

Überich und internalisierte Objektbeziehungen

 

Freud führte das Konzept des Überich 1923 in seinem Aufsatz Das Ich und das Es ein. Er faßte das Überich als denjenigen Teil des Ich auf, der als kritische Instanz Handlungen, Gefühle, Phantasien und Gedanken des Subjekts beurteilt und bewertet. Das Überich entsteht demnach als eine Verinnerlichung elterlicher Gebote und Verbote. Die dabei ablaufenden Repräsentationsvorgänge - die Verwandlung von erlebten Objektbeziehungen in eine komplexe innere Instanz - hängen nach Freud mit dem Untergang des Ödipuskomplexes in seiner positiven und negativen Form zusammen.[5] Freud faßte dabei Überich und Ichideal noch weitgehend synonym. Gewöhnlich bezeichnet man heute mit „Überich“ die verbietende innere Instanz, während das Ichideal als Instanz gefaßt wird, die für das Subjekt eine Vorbildfunktion hat.[6]

Waren Freuds Überlegungen zur Genese des Überich noch primär triebtheoretisch bestimmt, wurde in späteren Theoriebildungen anderer Psychoanalytiker der Aspekt der Objektbeziehungen immer stärker betont. Unter „Objektbeziehung“ wird dabei eine spezifisch getönte affektive Beziehung zwischen einer bestimmten Objekt-Imago mit einer entsprechenden Selbst-Imago verstanden.[7] Eine frühe Objektbeziehungstheoretikerin war Melanie Klein. Sie geht davon aus, daß die Überich-Bildung erheblich früher beginnt, als Freud annahm, wobei sie zudem Frühstadien des Ödipuskomplexes bereits im ersten Lebensjahr postuliert. Frühe Objektbeziehungen, die von primitiven Angstformen bestimmt sind, bilden demnach die Grundlage für die Introjektion früher Überich-Aspekte. Klein beschreibt etwa, daß einjährige Kinder Angst davor haben, aufgefressen zu werden. Sie erklärt diese spezifische Bildung mit der Introjektion früher Angstobjekte („böser Objekte“), was einen primitiven beißenden (auch fressenden oder schneidenden) Überich-Vorläufer zur Folge hat, der sich zum Überich weiterentwickelt.[8] Ebenso werden frühe „gute Objekte“ introjiziert. „Gute“ und „böse“ Objekte werden durch Spaltungsvorgänge infolge der Unreife der kindlichen Psyche voneinander streng getrennt repräsentiert. Dieser frühe Abwehrvorgang soll das Ich schützen, führt aber gleichzeitig zu einer „phantastischen“ Übertreibung der affektiven Qualität der Objektbeziehung, sei sie ausgerichtet auf das gute oder das böse Objekt.[9]

Kernberg entwickelte ausgehend von Melanie Kleins Annahmen systematische Theorien zur Entwicklung von Persönlichkeitsorganisationen (z. T. einschließlich zugehöriger Überich-Formationen) unter Berücksichtigung der internalisierten Objektbeziehungen und ihrer Pathologien.[10] Die Charakteristika der jeweiligen Persönlichkeitsstrukturen werden dabei mit der Internalisierung spezifischer Objektbeziehungen in Verbindung gebracht. Nach Kernberg ist der Zusammenhang von Überich und Persönlichkeit (bzw. Persönlichkeitsstörung) komplex.[11] Die jeweilige Persönlichkeitsstruktur und der Grad der Integration von Überich-Strukturen ist demnach nicht unmittelbar funktional miteinander verknüpft. Das bedeutet, daß etwa beim Vergleich der eigentlich schwerer gestörten Borderline-Persönlichkeit mit der narzißtischen Persönlichkeit letztere in einigen Fällen die gravierendere Überich-Pathologie aufweisen kann. Gleichwohl formuliert Kernberg aber auch immer wieder, daß das Borderline-Syndrom verbunden ist mit dem Vorliegen primitiver „Überich-Vorläufer sadistischer Art“, die dazu führen, daß das Subjekt massive Projektionen auf äußere Objekte richtet und somit eine Welt voller „böser“ Objekte erlebt.[12] Kernberg geht somit davon aus, daß dieser Persönlichkeitstypus regelmäßig Überich-Störungen aufweist.

Aus psychoanalytischer Sicht bilden internalisierte Objektbeziehungen und zugehörige Phantasien die Grundlage der Persönlichkeitsstruktur des später erwachsenen Individuums. Weiter hängt die Qualität der internalisierten Objektbeziehungen von affektiv getönten Realerfahrungen des Kindes mit realen Beziehungspartnern - in der Regel den Eltern - ab. Der Grad der Abhängigkeit dieser internalisierten Objektbeziehungen von Realerfahrung mit Beziehungspersonen wird innerhalb der Psychoanalyse kontrovers diskutiert. Aus den jüngeren Darstellungen Kernbergs muß beispielsweise gefolgert werden, daß dieser Autor zunehmend die Rolle realer traumatischer Erfahrungen bei der Ausbildung schwerer Persönlichkeitsstörungen betont.[13]

 

Nach diesen klinischen Ausführungen, die sozusagen einen argumentativen Hintergrund liefern, soll im weiteren eine grobe theoretische Skizze erstellt werden, die es erlaubt, das vorhandene historische autobiographische Material in bezug auf die zugrundeliegenden Persönlichkeitsstrukturen einzuteilen. Hierzu werden drei Persönlichkeitsstrukturen im Sinne von Prototypen unterschieden. Dabei soll insbesondere die Qualität des Überichs erfaßt werden. Grundlegend ist dabei die Überlegung, daß Persönlichkeitsstrukturen auf internalisierten Objektbeziehungen ruhen, deren affektive Qualität maßgeblich davon beeinflußt wird, welche Realerfahrungen das Kind mit seinen Eltern macht. Ein historisch sich wandelnder Umgang mit dem Kind führt demnach dazu, daß Objekt-Imagines, Selbst-Imagines und die jeweils zugehörigen affektiven Tönungen sich historisch wandeln. Das bedeutet gleichermaßen, daß sich im historischen Verlauf die Persönlichkeitsstrukturen verändern. Das Überich als abstraktere bzw. übergeordnete Instanz innerhalb des psychischen Apparates muß einem solchen Wandel der Objektbeziehungen, sollte er sich denn nachweisen lassen, ebenfalls unterworfen sein.

Ich gehe in loser Anlehnung an Kernberg von drei unterscheidbaren Persönlichkeitsstrukturen aus: der Borderline-Persönlichkeit, der narzißtischen Persönlichkeit und der neurotischen Persönlichkeit. Das historische Material Autobiographien wird dabei daraufhin untersucht, inwiefern sich der jeweilige Autor als Vertreter einer dieser Persönlichkeitstypen verstehen läßt.

Da ein Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung auf der Rekonstruktion des Überich liegt, werden im empirisch-historischen Material insbesondere solche Szenen aufgesucht, die die Beschaffenheit dieser psychischen Instanz erkennen lassen. Von Interesse sind vor allem Szenen, die den Umgang des jeweiligen Autors mit folgenden Bereichen zeigen:

 

- lustvolle Ereignisse (Sexualität, Sicherheit, Befriedigung anderer Bedürfnisse)

- Aggressionen

- Objektbeziehungen

- Selbst und eigener Körper

- Schuld und Scham

- Kindheitstraumata (berichtete oder auch rekonstruierte)

 

Die Borderline-Persönlichkeit

 

Die meisten der deutschen Erlebnismystiker weisen Persönlichkeitsmerkmale auf, die heute als der Borderline-Persönlichkeit zugehörig anzusehen wären. Im folgenden wird das Borderline-Syndrom als Prototyp dargestellt.[14] Das Borderline-Syndrom wird als eine schwere Persönlichkeitsstörung auf der Grenze zwischen Neurose und Psychose aufgefaßt. Die entsprechende Psychodynamik ist von Dissoziationen gekennzeichnet, die das Erleben und das Verhalten maßgeblich beeinflussen. Auf einer deskriptiven Ebene sind Borderline-Persönlichkeiten durch folgende Merkmale zu charakterisieren: (a) chronische, frei flottierende Angst; (b) polysymptomatische Neurosen (Phobien, Zwangssymptome, multiple Konversionssymptome, dissoziative Reaktionen wie Dämmerzustände, Derealisation und Depersonalisation, Amnesien und Bewußtseinsstörungen, Hypochondrie, paranoides Erleben); (c) polymorph-perverse Sexualität; (d) Impulsneurosen mit Triebdurchbrüchen, einschließlich autoaggressivem Agieren; (e) Vorliegen intensiver Affekte (Wut und Depression) bei weitgehender Genußunfähigkeit (Anhedonie).[15] Hinzu kommen charakteristische Denkstörungen (formal und inhaltlich) sowie das Vorkommen von „Mini-Psychosen“.[16] Die genannten Merkmale müssen nicht dauernd vorliegen, sondern können fluktuieren. Wichtig ist außerdem, daß Borderline-Persönlichkeiten im Unterschied zu Psychotikern eine weitgehend erhaltene Fähigkeit zur Realitätsprüfung aufweisen.[17]

Auf einer strukturellen Ebene betont Kernberg unspezifische Anzeichen von sogenannter Ich-Schwäche, einen erleichterten Zugang zu primärprozeßhaftem Denken sowie spezifische Abwehrmechanismen, wobei er als wichtigsten Abwehrmechanismus die Spaltung hervorhebt.[18] Auf den Aspekt der Spaltung möchte ich kurz näher eingehen. Spaltung wird nach Kernberg von Borderline-Persönlichkeiten als aktiver Abwehrmechanismus eingesetzt und dient der Vermeidung der Bewußtwerdung bestimmter Vorstellungsrepräsentanzen, die intensiv mit Aggressionen kontaminiert sind. Die normale Entwicklung der Objektbeziehungen im Baby-Alter besteht in einer Integration der guten und bösen Imagines, wobei paranoid getönte Ängste durch reifere, depressiv getönte Formen ersetzt werden und allgemein ein realistischeres Bild der Objekt-Imagines entsteht. Aufgrund dieser Integration erlebt das Baby nun gleichzeitig aggressive und libidinöse Aspekte an einem einzigen Objekt. Das bedeutet, daß vor dieser Integration präambivalente Objekte erlebt werden und erst danach ambivalente. Die für das Erleben von Ambivalenz notwendige Legierung widersprüchlicher Erlebnisformen wird von späteren Borderline-Persönlichkeiten in der Kindheit und auch im Erwachsenenalter nicht geleistet. Statt dessen setzt das Kind aktiv die Spaltung ein und bringt unter Einsatz der sogenannten „primitiven Idealisierung“ die „total guten“ und „total bösen“ Objekt-Imagines hervor.[19] Die primitive Idealisierung stellt eine Phantasiestruktur dar, bei der einem Objekt magisch überhöhte Eigenschaften zugesprochen werden, wobei gleichzeitig Allmachtsphantasien operieren. Die primitiv idealisierten Objekte dienen zum Schutz gegen Aggressionen. Man kann diese Konfiguration als Vorläufer reiferer Idealisierungsformen ansehen, deren Ausbildung bei Borderline-Persönlichkeiten in der Kindheit nicht oder nur unzureichend erfolgt.

Innerhalb der Analyse von Objektbeziehungen spielen auch die emotionalen Qualitäten von Selbst-Imagines eine zentrale Rolle. Eine Objektbeziehung wird, wie bereits gesagt, als spezifisch getönte affektive Beziehung zwischen einer bestimmten Objekt-Imago mit einer entsprechenden Selbst-Imago aufgefaßt.[20] Auch die Entwicklung der Selbst-Imagines ist bei Borderline-Persönlichkeiten gestört; sie bleiben ebenfalls gespalten und unintegriert. Es bilden sich „total gute“ und „total böse“ Selbst-Imagines, wobei die überidealisierten Selbst-Imagines mit phantastischen Idealen von Macht und Vollkommenheit verknüpft sind. Diese pathologischen Idealselbst-Bildungen behindern die Entwicklung eines reifen Überichs. Es bleibt unreif und enthält sadistische und bedrohliche Überich-Vorläufer.

Die zentrale intrapsychische Bedingung für die Spaltungsprozesse stellt eine enorm gesteigerte Aggression dar. Die Objektbeziehungen von Borderline-Persönlichkeiten sind von Haß geprägt. Haß stellt die Umkehrung des Leidens dar.[21] Kaum kontrollierbare Aggression ist auch Ursache der Selbstbeschädigung, die typisch für die Borderline-Persönlichkeit ist.[22]

Während Allmachtsphantasien und primitiv idealisierte Objekt-Imagines bei der Borderline-Persönlichkeit ausgearbeitet werden, kommt es gleichzeitig zur Entwertung äußerer Objekte. Diese Entwertung erfolgt teilweise aufgrund der (phantasierten) Unfähigkeit realer Objekte zum Schutz gegen allmächtige „total böse“ Objekte, teilweise zur Verhinderung der Entwicklung dieser Objekte zu Verfolgern und teilweise aufgrund von Rachephantasien, weil das reale Objekt bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigen kann. Borderline-Persönlichkeiten weisen zudem die Tendenz auf, ein äußeres Objekte abrupt von einer Bewertungskategorie in die andere zu verschieben, beispielsweise aufgrund einer minimalen Kränkung ein primitiv idealisiertes Objekt stark abzuwerten und zu attackieren (Schwarz-Weiß-Denken).[23] Damit hängen auch die kippenden Selbst- und Objektbeurteilungen zusammen, die ständiger Fluktuation unterliegen können. Ohnehin befindet sich das Erscheinungsbild des Borderline-Syndroms häufig in permanenter Veränderung. Gleichwohl bleiben die operierenden Spaltungsprozesse erkennbar. Kernberg faßt seine strukturellen Ausführungen zusammen:

 

„Infolge der ständigen Projektion »total böser« Selbst- und Objekt-Imagines sehen sich diese Patienten einer Welt voller gefährlicher, ja bedrohlicher Objekte gegenüber, gegen die »total gute« Selbst-Imagines als Abwehr eingesetzt und grandiose Idealselbst-Imagines aufgebaut werden.“[24]

 

Kernberg nannte bereits 1975 als eine der ätiologischen Bedingungen für die Entwicklung des Borderline-Syndroms neben konstitutionellen Besonderheiten das reale Erlebnis von schwerwiegenden Frustrationen, also traumatische Bedingungen.[25] Mittlerweile spricht er von „Fixierungen an das Trauma“ in bezug auf die Entwicklung pathologischer Objektbeziehungen und deren Repräsentanzen.[26] Rohde-Dachser nennt als eine wesentliche ätiologische Bedingung für die Entwicklung des Borderline-Syndroms den sexuellen Mißbrauch in der frühen Kindheit.[27] Diese ätiologische Bedingung und ihre Thematisierung spielt auch eine herausragende Rolle in den unbewußten Phantasien, die den erlebnismystischen Texten zugrunde liegen.

 

Heinrich Seuse (1295-1366)

 

Die Geschichte deutscher Autobiographien beginnt mit Texten der Erlebnismystikerinnen und -mystiker.[28] Darin stellen Mystiker ihr Erleben dar, schreiben über ihre Kindheit oder die Kindheit Jesu und ihren Umgang mit ihrem Körper. Man findet in diesen Texten die Darstellungen gravierender Störungen der Objektbeziehungen und der Persönlichkeitsentwicklung. Mystiker liefern zahllose Hinweise auf gravierendste Kindheitstraumen und zeigen ein archaisches, unintegriertes und exzessiv grausames Überich. Das Erleben von Erlebnismystikerinnen und -mystikern ist typischerweise durch folgende Erlebnisformen gekennzeichnet:

 

(1.) exzessive, selbst ausgeführte Beschädigung des eigenen Körpers;

(2.) halluzinatives Erleben religiös gedeuteter Objekte (Gott, Jesus, Maria, Jesuskinder, Teufel, Dämonen, Verstorbene);

(3.) andauernde Beschäftigung mit einem religiösen Phantasiesystem;

(4.) prekäre erwachsene Sexualität bei gleichzeitigem Vorliegen pädophiler Phantasien, die im Zusammenhang mit einem Jesuskind-Phantasma erlebt werden.

 

Fast alle Mystiker betrieben exzessive Selbstbeschädigung. Dazu gehörten Selbstgeißelungen, exzessives Fasten und Venien (Kniefälle). Diese Formen der Askese führten praktisch alle Mystiker aus. Hinzu kamen weitere teilweise idiosynkratische Formen wie Einschneiden von religiösen Symbolen in die Haut, Selbstverbrennungen, Selbstfesselungen, selbst beigebrachte Bisse sowie weitere Formen.

 

Heinrich Seuse war ein literarisch sehr bedeutender Erlebnismystiker. Er gehörte zu den aggressivsten Selbstbeschädigern und peinigte sich nach eigenen Angaben 20 Jahre lang. Seuse beschreibt detailliert Selbstbeschädigungen, Selbstgeißelungen und andere religiös moti­vierte Praktiken, wie etwa das Tragen von Nagelkreuzen und Nagelketten auf der Haut, Aderlaß, Selbstfesselung vor dem Schlafen mit einem System von Gürteln, Riemen und Schlössern.[29] Er aß und trank zeitweise gerade so viel, wie zum Überleben ausreichte, d. h. er wies anorektische Symptome auf.[30]

Seuse hatte starke Stimmungs­schwankungen. Vor einem Akt der Selbstdestruktion wurde, wie er formuliert, „unmäßiges Feuer in seine Seele gesandt, das sein Herz in göttlicher Liebe gar inbrünstig entflammte.“[31] Deshalb ging er in seine Zelle und wendete sich an Gott:

 

„»Ach, zarter Gott, könnte ich mir doch irgendein Liebeszeichen erdenken, das ein ewiges Liebeszeichen zwischen dir und mir wäre, eine Urkunde, daß ich dein und du meines Herzens ewige Liebe bist, ein Zeichen, das kein Vergessen je vertilgen könnte.« In diesem inbrünstigen Ernst warf er vorn sein Skapulier [= Schulterkleid] auf und entblößte seinen Busen und nahm einen Griffel in die Hand und sah sein Herz an und sprach: »Ach, gewaltiger Gott, nun gib mir heute Kraft und Macht, mein Begehren zu vollbringen, denn du mußt heute in den Grund meines Herzens geschmelzt werden.« Und fing an und stach mit dem Griffel in das Fleisch an der Stelle über dem Herzen, und stach also hin und her und auf und ab, bis er den Namen IHS genau auf sein Herz gezeichnet hatte. Von den scharfen Stichen strömte das Blut stark aus dem Fleisch und rann über den Leib herab in den Busen. Das war ihm in seiner feurigen Liebe ein so lieblicher Anblick, daß er der Schmerzen nicht viel achtete.“[32]

 

Das in religiöses Vokabular eingekleidete Geschehen kann verstanden werden als Wiederbelebung eines frühen Deprivationszustands, der mit gesteigerter Empfindung von Wünschen und Sehnsüchten einhergeht. Die Sehnsucht nach dem geliebten Objekt, hier als Gott bezeichnet, kann als Reminiszenz an die frühe Mutter aufgefaßt werden. Seuse will gegenseitige Liebe herstellen. Er beschreibt sich selbst als eine Mutter (Schulterkleid zur Seite schieben, die Brust frei machen, auf die eigene Brust blicken). Das Körperselbst wird abgespalten, als fremd erlebt und besetzt. Der Körper bzw. Körperteile fungieren als Übergangsob­jekte im Sinne Winnicotts.[33] Gleichzeitig werden phanta­sierte Objekte in halluzinativer Weise erlebt. Durch die Verletzungen, die er sich mit dem Griffel zufügt, erzeugt Seuse bei sich selbst eine blutende „mütterliche“ Brust, wobei das Blut die Milch symbolisiert.[34] Liebende und extrem aggressive Impulse werden gleichzeitig aktiviert und ausagiert und verweisen auf eine extreme emotionale Ambivalenz gegenüber dem primären Objekt.

Die beiden Erlebnisaspekte selbst zugefügte Schmerzen und fließendes Blut werden von Hirsch als eine regredierte Auseinandersetzung des Selbstbeschädigers mit Problemen der Empfindung der eigenen Körpergrenzen verstanden.[35] Hirsch nennt als ätiologisch entscheidende Bedingungen für die Genese einer selbstdestruktiven Symptomatik zwei Formen von Ereignissen in der Kindheit seiner Patienten: frühe Deprivation und traumatische Überstimulation, gewöhnlich in Form schwerwiegenden physischen und sexuellen Mißbrauchs.[36] Hirsch vermutet, daß der Teil des Körpers, der das Ziel autoaggressiven Verhaltens wird, ein schlechtes Objekt repräsentiert. Seuse beschädigt verschiedene Körperteile und -regionen, vor allem die Brust und den Rücken (bei Selbstgeißelungen). Ziel dieser Selbstbeschädigung ist eine Reduktion unerträglicher innerer Spannungen.

Der pathologische Umgang mit dem eigenen Körper als einem mütterlichen Übergangsobjekt basiert nach Hirsch auf der Spaltung zwischen Selbst und Körper-Selbst. Diese Spaltung rührt von den erwähnten traumatischen Kindheitserfahrungen her. Die Erfahrungen wurden so verarbeitet, daß das Körper-Selbst vom übrigen Selbst dissoziiert wurde, um die Konsistenz dieses Rests zu ermöglichen und vor weiterer Dissoziation zu bewahren. Der Erwachsene, der selbstdestruktives Verhalten ausführt, agiert Elemente der frühen traumatischen Mutter-Kind-Beziehung aus.

Folgende Szene soll Seuses archaisches Überich und den Umgang mit Bedürfnissen illustrieren: Seuse halluzinierte einmal Tag und Nacht Geister.[37] In dieser Zeit hatte er außerdem das Bedürfnis, Fleisch zu essen, nachdem er das jahrelang nicht mehr getan hatte. Er nahm Fleisch in den Mund und hatte sofort eine Halluzination: Vor ihm stand eine „ungeheure höllische Person“, die zu den halluzinierten Umherstehenden sagte: „Dieser Mönch hat einen Tod verschuldet und den will ich ihm antun!“[38] Die Umherstehenden ließen nicht zu, daß die ungeheure Person Seuse tötete. Seuse beschreibt die Konfrontation mit dieser Person folgendermaßen:

 

„Da sie [die Umherstehenden] ihr das nicht gestatten wollten, zog sie einen greulichen Bohrer heraus und sprach zu ihm: »Da ich dir nun anders nichts tun kann, so will ich deinen Leib doch mit diesem Bohrer peinigen und zum Munde einbohren, daß dir so weh geschehen soll, so groß deine Lust nach dem Fleischessen gewesen ist« und fuhr ihm dabei mit dem Bohrer nach dem Munde. Alsbald schwollen ihm die Kinnbacken und die Zähne und verschwoll ihm der Mund, daß er ihn nicht auftun und wohl drei Tage weder Fleisch noch andere Dinge essen konnte als nur soviel er durch die Zähne saugen konnte.“[39]

 

Wie bereits gesagt, stellt Hirsch zwei wesentliche Faktoren bei der Entwicklung selbstbeschädigenden Verhaltens heraus: frühe Deprivation und schweren körperlichen, meist sexuellen Mißbrauch. Die hier beschriebene Szene hat die Form eines sexuellen Mißbrauchs und gibt Anlaß zu der Vermutung, daß Seuse als Kind eine orale Vergewaltigung - vermutlich durch seinen Vater - erlebt hat, die er halluzinativ reinszenierte. Die Implikationen der Annahme eines derartigen frühen Traumas werden im weiteren herausgearbeitet.

Die „ungeheure höllische Person“ ist körperlich groß und aggressiv. Sie erscheint in dem Moment, als Seuse ein Lusterlebnis hat. Seuse hatte enorme Probleme mit Lusterlebnissen jeder Art. Hinzu kommt, daß Fleischessen mit der Tötung eines Lebewesens zu tun hat. Sowohl Seuses Lusterlebnis als auch dieses Wissen um den Tod eines Tieres stimulieren das Erscheinen, das Halluzinieren der ungeheuren höllischen Person.

Nachdem die Tötung Seuses durch die Umherstehenden - Externalisierungen gemäßigter, emotional zugewandter Persönlichkeitsanteile - verhindert wird, zieht die höllische Person einen Bohrer hervor. Der Bohrer symbolisiert den väterlichen Penis. Ein im engeren Sinne orales Bedürfnis wird hierbei auch an dem damit verbundenen Körperteil, dem Mund, bestraft. Dabei soll der Schmerz proportional der zuvor erlebten Lust sein. Seuse stellt sich in dieser Szene als jemand dar, der zumindest bis zu einem gewissen Grad die anschließende Peinigung in Form einer oralen Vergewaltigung verdient hat. Er war zum einen schuld am Tod eines Tieres, und er hatte zum anderen verpönte Lusterlebnisse.[40] Lust kann Seuse nur unter bestimmten Bedingungen ertragen, andernfalls wird seine empfindliche narzißtische Homöostase stark gestört. Seuse zeichnet gleichzeitig ein überaus ambivalentes Bild gegenüber oralen Befriedigungserlebnissen. Während die versorgenden Erlebnisse (mit der Mutter) als prototypische Befriedigungen reinszeniert werden,[41] führt die vermutete sexuelle Gewalterfahrung zu einer prototypischen Gewalt- und Kontrollverlusterfahrung und zu deren Reinszenierung. Die Szene illustriert, wie massiv die Welt Seuses von sadistischen Überich-Vorläufern geprägt ist. Ein Lusterlebnis stimuliert eine archaische Rächerfigur, der Seuse sich hilflos ausgeliefert fühlt.

Andere Mystiker zeigen ganz ähnliche Überich-Konfigurationen. Mechthild von Hackeborn (1241-1299) hörte einmal leichtfertige Lieder und weltliche Gesänge.[42] Daraufhin sei sie in Gottesliebe entflammt und habe Gott einen Ersatz bieten wollen für das Ärgernis dieser Lieder. Sie legte daher Glasscherben in ihr Bett und wälzte sich so lange darin, bis sie ihre Haut zerschunden hatte und vor Schmerzen fast bewegungsunfähig war. Auch hier zeigt sich, analog zu Seuses Erlebnis der „ungeheuren höllischen Person“, ein extrem prekärer Umgang mit Lust. Ein Es-Wunsch wird als äußerst gefährlich erlebt und aktiviert qua Überich einen Gegen-Impuls. Dem Überich wird eine Szene vorgeführt, wobei das abgespaltene Körper-Selbst leiden muß, um das grausame Überich zu versöhnen.

Derartige Inszenierungen waren in Klöstern weit verbreitet. Mechthild von Hackeborn preist beispielsweise den Schall der Selbstgeißelungen, der einen „gar süßen Ton“ habe. Sie schreibt: „Bei dem Laute dieses Schalls jubelten die Engel Beifall, die Dämonen, welche die Seele peinigten, entflohen weithin, die Seelen wurden von ihren Strafen erlöst, und die Ketten der Schuld gebrochen.“ [43] Die Versöhnung des Überich durch Selbstbestrafung ist zentral.

Eine selbst unter Mystikern brutale Attacke auf ihren Körper führte Christina von Retters (1269-1292) aus. Sie fühlte sich von ihrer „Unkeuschheit“ bedrängt, die ihre seelische und körperliche Reinheit gefährdete. Der Teufel bescherte ihr im Schlaf „böse Träume, böse Wollust und Versuchungen“. Christina stand daher ein Jahr lang jede Nacht auf und schlug sich mit einem Besen.[44] Um das „Feuer der Versuchung“ zu löschen, brannte sie sich die Vagina mehrfach mit Feuer aus. Eine der Selbstbeschädigungen führte sie aus, als sie einen Mann mit einer Frau sprechen hörte über „fleischliche und weltliche Dinge“  - also über Sexualität. Man sieht hier fast die gleiche Auslösungssituation wie bei Mechthild von Hackeborn. Derartige Beispiele sind in erlebnismystischen Texten Legion.

Der erste Typ von Überich, der uns anhand von historischen Selbstzeugnissen gegenübertritt ist eine archaische Konfiguration, wie sie heute bei der Borderline-Persönlichkeit vorzufinden ist.

 

Die narzißtische Persönlichkeit

 

Ähnlich wie der Begriff „Borderline-Persönlichkeit“ eine lange Geschichte aufweist, eine große Mannigfaltigkeit klinischer Erscheinungsbilder beschreibt und dabei stellenweise nicht ganz eindeutig ist, gilt auch für die Kategorie „narzißtische Persönlichkeit“, daß sie vielfältige Bilder bezeichnet.[45] Bursten führt aus, daß es „ganz verschiedene narzißtische Persönlichkeiten“ gibt.[46] Entsprechend bezeichnet dieser Terminus in der Literatur Persönlichkeiten mit stark verschiedenen Integrationsgraden (oder „Störungsgraden“). Ganz generell ist vorausszuschicken, daß im weiteren unter der „narzißtischen Persönlichkeit“ eine Struktur verstanden wird, die einen höheren psychischen Integrationsgrad als die Borderline-Persönlichkeit aufweist. Somit wird innerhalb des vorliegenden Artikels eine eingeschränkte Bedeutung der Kategorie verwendet. Die schärfer umrissenene Bedeutung ergibt sich aus der folgenden Beschreibung in Kombination mit den zugehörigen historischen Beispielen. Erneut wird hierbei eine lose Anlehnung an Kernbergs Arbeiten gesucht.

Narzißtische Persönlichkeiten imponieren durch eine charakteristische Störung ihres Selbstwertgefühls. Sie zeigen ein stark gesteigertes Maß an Selbstbezogenheit, wollen von anderen geliebt und bewundert werden, wobei das Bedürfnis nach Bestätigung maßlos wirkt. Gleichzeitig zeigen sie eine gering entwickelte Fähigkeit zu Einfühlung und eine gesteigerte Beschäftigung mit grandiosen Phantasien. Sie wirken oft rastlos und werden schnell gelangweilt, wenn sich äußere narzißtische Zufuhr verringert.

Im Umgang mit anderen spielt bei Narzißten Neid und Verachtung eine wichtige Rolle. Menschen werden von ihnen häufig danach beurteilt, welchen Nutzen sie jeweils erwarten lassen. Frühere Idole können nach Enttäuschungen - wirklichen oder phantasierten - extrem entwertet werden. Kernberg beschreibt diese Individuen als weitgehend unfähig zu tiefen Gefühlen und echter Zuneigung für andere. Insbesondere könnten sie das Gefühl der Abhängigkeit einem anderen gegenüber nicht entwickeln, da Narzißten zutiefst mißtrauisch sind.[47]

Nach Kernberg ähneln sich die Abwehrorganisationen von Borderline-Persönlichkeiten und narzißtischen Persönlichkeiten.[48] Es überwiegen bei beiden die sogenannten „primitiven Abwehrmechanismen“ wie Spaltung, Verleugnung, Allmachtsphantasien, primitive Idealisierung und Entwertung. Anders als typische Borderline-Persönlichkeiten verfügen narzißtische jedoch über eine relativ gute soziale Anpassung, eine gut funktionierende Impulskontrolle und bessere Sublimierungsfähigkeiten. Narzißtische Persönlichkeiten verfügen im Unterschied zu Borderline-Persönlichkeiten über ein integrierteres Selbst, wenngleich dieses Selbst pathologische Züge aufweist.[49] Kernberg beschreibt diesen pathologischen Anteil in Anlehnung an Kohut als „grandioses Selbst“, eine Bildung, die die narzißtische Persönlichkeit dazu bringt, Abhängigkeit von anderen extrem zu fürchten und daher zu vermeiden. Die Integration des Überich bei narzißtischen Persönlichkeiten ist unzureichend.[50] Auch ihr Überich enthält Überich-Vorläufer, insbesondere wohl überidealisierte.[51]

Neben den genannten Unterschieden in der Phänomenologie und den zugrundeliegenden psychischen Strukturen zwischen Borderline- und narzißtischen Persönlichkeiten soll an dieser Stelle festgehalten werden, daß eindeutige und deutlich zutage tretende Episoden von Selbstdestruktivität und körperlicher Selbstverletzung im vorliegenden Artikel zur Zuweisung eines historischen Autobiographen zur Borderline-Persönlichkeitsstruktur führen. Trotz der Unterscheidbarkeit beider Persönlichkeitsstrukturen ist allerdings auch zu betonen, daß es Individuen gibt, die beiden Kategorien zugewiesen werden können und daß es Übergänge zwischen beiden gibt.

 

Johann von Soest (1448-1506)

 

Nach den erlebnismystischen Autobiographien entstanden ab dem 15. Jahrhundert die ersten deutschen säkularen Autobiographien. Die frühesten säkularen Autobiographen erlebten ausnahmslos alle als Kind langdauernde Trennungen von ihren Eltern, gewöhnlich aufgrund einer elterlichen Weggabe.[52]

 

Eine geradezu typische narzißtische Persönlichkeit einschließlich des zugehörigen Überich wies Johann von Soest auf. Soest war ein mit diversen Begabungen ausgestatteter Mensch. Er war bereits als Kind professioneller Sänger und wurde später ein bedeutender Komponist. Er war außerdem Schriftsteller und Arzt.

Als Baby wurde Soest - vermutlich von seiner Mutter - im Gesicht mit heißem Öl überschüttet.[53] Die anscheinend bleibende Entstellung des Gesichts mit Verlust der Sehkraft eines Auges hat vermutlich eine ausgeprägte psychische Traumatisierung für das Kind nach sich gezogen, zumal Soest als künstlerisch interessierter Mensch ohnehin verstärkt ästhetische Aspekte sehr ernst nimmt. Eine bleibende Entstellung des Gesichts, einschließlich eines blinden Auges, stellt eine massive narzißtische Kränkung dar. Sie hat womöglich die Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflußt. Zudem mag der spätere Arztberuf mit dem Trauma in Verbindung stehen.

Zumindest einer seiner beiden jüngeren Brüder wurde weggegeben.[54] Sein Vater starb, als Soest drei Jahre alt war. Der Herausgeber macht darauf aufmerksam, daß Soest sechs Zeilen gestrichen hat.[55] Darin erwähnte Soest, daß die Mutter wieder heiratete. Die Darstellung der Abläufe wurde also stark verändert: Der Stiefvater wurde mit keinem Wort erwähnt, außer in den gestrichenen Zeilen. Das bedeutet, daß Soest in seiner Autobiographie eine tatsächlich vorliegende Triade immer nur als Dyade beschrieb. Es drängt sich auf, daß Soest hier phantasmatisch die narzißtische Kränkung der Wiederverheiratung der Mutter leugnet.

Soest wies eine Form von Bindungslosigkeit auf, die bereits in seiner Kindheit nachzuweisen ist. Schon als 9jähriger versuchte er, von zu Hause bzw. von seiner Mutter und dem Stiefvater wegzulaufen und mit einem Gaukler wegzuziehen. Als 11jähriger gelang es ihm - angeblich gegen den Willen der Mutter - eine Anstellung am Hof eines Herzogs zu erlangen und damit die Trennung von der Herkunftsfamilie durchzusetzen. Er kommentierte diese Trennung: „Meine Mutter vergaß ich gänzlich“.[56]

Dieser Herzog wurde ein wichtiger Förderer von Soest als Sänger. Der Bruch mit diesem Herzog kam folgendermaßen zustande: Zwei englische Sänger kamen an den Hof und sangen besser als Soest. Daher wollte er diesen beiden unbedingt nachreisen, um deren Kunst zu erlernen. Er brach mit dem Herzog, der ihn nicht ziehen lassen wollte und ihn sogar mit der Hinrichtung bedrohte, sollte er doch den Hof verlassen. Soest verlor schließlich alle Privilegien und verließ den Hof, um seinem Wunsch nachzukommen.

Zentral für Soests Anstrengungen ist die Kränkung, die die Erfahrung, weniger gut als andere zu sein, bei ihm auslöste. Narzißtische Kränkungen fürchtete Soest am meisten. Er fühlte sich beim Singen der begabteren Engländer wie „ein Kind“.[57] Kind-Sein ist bei Soest extrem aversiv konnotiert.

Soests narzißtisch-gestörten Persönlichkeitszüge lassen sich an weiteren Stellen belegen. Er schmähte seine Lehrer, die er übertroffen hatte.[58] In seiner Autobiographie deutete er sein ausschweifendes Sexualleben bei Hofe an. Er saß wegen Streitigkeiten im Gefängnis und schrieb, daß er einen Gegner nach einem Streit einmal kastriert hatte - eine tatsächlich archaische Vergeltung für narzißtische Kränkungen.[59]

Gleichwohl gestaltete er große Teile seiner Autobiographie als eine Art Selbstanklage. Er beschreibt sich als Verlorener Sohn, d. h. als reuiges Kind, das nach Ausbruchsversuchen zu seiner Familie zurückkehren und um Vergebung bitten wollte. Auch seine Beschreibungen von Jugendlichen voller primitiver Vorwürfe gehören hierher. Man erkennt dabei die Abspaltung und Projektion eigener verpönter Selbstanteile, etwa wenn er seinem eigenen Sohn Leidenschaft, Ungeduld und Lügen vorwirft.[60] Soests aggressives Agieren deute ich daher auch weniger als Ausdruck eines sozusagen „fehlenden“ Überichs, sondern vielmehr als kippendes Geschehen, bei dem harte und grausame Überich-Formationen und entsprechende Abwehrvorgänge die Handlungen leiten.

 

Johannes Butzbach (1477-1516)

 

Der spätere Benediktinermönch Johannes Butzbach wurde als 9 Monate altes Baby zu seiner Tante weggegeben. Zu dieser Tante hatte er eine extrem ambivalente Beziehung. Bei ihrem Tod - als er 10 Jahre alt war - benennt er die Trauer zahlreicher Personen, nur nicht seine eigene. Die Beziehung der Tante zu ihrem Neffen war offensichtlich erotisiert: Die Tante holte den kleinen Butzbach in ihr Bett, wenn ihr Ehemann außer Haus war.[61] Klarerweise wird hier eine Positionsverschiebung innerhalb der ödipalen Triade dargestellt: Butzbach ersetzt in dieser Szene den Ehemann. Es werden zwar keinerlei manifest sexuellen Übergriffe beschrieben, aber die Szene stellt einen merkwürdigen Umgang der Tante mit ihrer Angst vor Einsamkeit dar. Auf Butzbach haben diese Szenen, die sich wiederholten, offensichtlich einen starken Eindruck gemacht.[62]

Butzbach fürchtete sexuelle Verführung. Obwohl er extreme Angst vor der Schule hatte - er wurde dort blutig geschlagen - weist er Eltern an, die Kinder in die Schule zu schicken, weil zu Hause Verführung drohe, beispielsweise von den „weniger gebildeten Angehörigen des väterlichen Haushaltes (...). Denn wer im zarten Kindesalter von ihnen Schlechtes hört und sieht, wird in seiner Seele drin verdorben.“[63]

Nach dem Tod der Tante kehrte er für etwa ein knappes Jahr zu seinen Eltern zurück, um dann erneut weggegeben zu werden. Der kurze Aufenthalt bei seinen Eltern war höchst problematisch. So wurde er einmal auf Veranlassung seiner Mutter wegen Schuleschwänzens verprügelt.[64] Direkt an die Darstellung des Vorfalles mit dem prügelnden Lehrer schildert Butzbach, wie er ganz aus der Familie weggegeben wurde. Der Vater wird hier zum ersten Mal als einzeln handelnde Person erwähnt. Ein Beanus nimmt Kontakt mit Butzbachs Vater auf. Ein Beanus ist ein älterer Jugendlicher, der mit Kindern, den sogenannten Schützen, herumzieht.[65] Vordergründig besteht dabei die Absicht, Schulen anzulaufen. Diese Absicht kann allerdings ein Vorwand sein, wie anhand der Autobiographien von Butzbach und Thomas Platter[66] klar belegt werden kann. Butzbachs Eltern liefern ihren 10jährigen Sohn einem ihnen unbekannten Jugendlichen auf Gedeih und Verderb aus. Bei diesem Beanus erlebt Butzbach eine fortgesetzte Kette von Mißhandlungen und Ausbeutung.

Aufschlußreich in bezug auf Butzbachs Persönlichkeit ist seine Form der Darstellung dieser Weggabe. Die Szene, in der er mit dem Beanus wegzieht, kommentiert er folgendermaßen:

 

„Da begann ich zum ersten Mal die Liebe des Sohnes zu seinen Eltern zu spüren, die ich ihnen nun nicht mehr zeigen konnte. Wahrlich, damals sah ich zum ersten Male ein, wie unfehlbar die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist, und ich lernte, wie traurig der Abschied eines Geliebten ist.“[67]

 

Die Verdrängung der Wahrnehmung seiner realen Beziehungen zu den Eltern und seiner extremen narzißtischen Kränkung durch diese elterliche Weggabe wird an dieser Stelle perfektioniert. Butzbach muß starke Reaktionsbildungen gegen seine aggressiven Impulse aufbieten, so überschießend, daß er diese Trennung zum Anlaß nimmt, das Eltern-Kind-Verhältnis zum idealen Liebesverhältnis zu erklären. Butzbach als erwachsenem Schreiber seiner Autobiographie war es nicht möglich, ein Wort der Kritik an seinen Eltern zu äußern bzw. sich von dem Geschehen als jetzt erwachsener Mensch zu distanzieren. Offene Kritik an den Bezugspersonen findet sich in der gesamten Autobiographie nicht.

Die Existenz idealisierter Elternbilder (insbesondere von Vater-Imagines) dient im Sinne der primitiven Idealisierung dem Schutz vor der Erkenntnis vernachlässigender Eltern. Diese abgespaltenen Elternbilder und insbesondere eine gehaßte primitive Mutter-Imago zeigen sich häufig bei Butzbach. In seiner Autobiographie wendet sich der erwachsene Butzbach ständig gegen (weltliche) Liebesbeziehungen und gegen Frauen ganz allgemein, die er häufig als Verführerinnen und Hexen betrachtet. Butzbach schreibt: „Oh, welche Dummheit ist da doch bei den Männern und - oh! - was für ein betrügerischer Spott und welche Finte bei den Frauen! Wen haben die Frauen nicht alles verspottet und hinters Licht geführt![68]

Butzbach war ein glühender Hexenhasser. In Gedichten feierte er den Hinrichtungstod einer angeblichen Hexe. Er beschreibt darin wie die „leichenblasse Zauberin“ den Abt des Klosters Laach mit einem Käse, in dem Eisenhut enthalten war, vergiftet habe. Diese Frau belegt Butzbach mit einer Reihe extrem abfälliger Bezeichnungen, darunter „giftmischende Zauberin“, „allerübelste Zauberin“, „bö­ses(s) Weib“, „schändliche entstellte Alte, verbrecherische Hure, geschwätzige Hündin, bissige Diebin“.[69] Die Frau wurde zur Erzwingung eines Geständnisses an den Brüsten gefoltert.[70] Das Thema der Brust spielte bereits in dem einleitenden Satz der Autobiographie eine wichtige Rolle. Dort schreibt Butzbach, daß er der Mutterbrust von der Tante entrissen wurde; im Gedicht ist die Rede von einer glühenden Zange, mit der die Brust der Frau traktiert wird. Später schreibt Butzbach, daß die Frau mit einer Zange „zerpflückt“ wurde. Was zunächst dem Partialobjekt Brust angetan wird, erfolgt dann am ganzen Objekt. Butzbachs Beschreibung stellt den Zusammenhang zwischen den phantasmatischen Elementen aus Kindheit und Erwachsenenleben her. Butzbach hebt hervor, wie sexuell gierig diese Frau angeblich war: „Ein Dämon war ihr Freier und Ehemann, der mit ihr schlief, sooft sie es wollte. Denn sie war überaus geil und unersätt­lich (...).“[71] Der Partner der Frau wird also nur blaß als Dämon bezeichnet; die Aktivität geht von der Frau aus. Über die Tante schreibt Butzbach, daß sie ihn zu sich ins Bett nahm, wenn der Ehe­mann nicht anwesend war. Die ödipale Struktur der sexuell aktiven Frau (der Tante) und ihres nur am Rande erwähnten und häufig abwesenden Ehemannes (des Onkels) findet sich in Umrissen auch in seiner Beschreibung der Hexe und ihrem Dämon. In der Geschichte mit der Tante im Bett fehlen allerdings gerade die Andeutungen manifest sexueller Aktivität der Tante bei gleichzeitiger Darstellung einer massiven Verschiebung innerhalb der ödipalen Triade.

Butzbach attackiert in seinem Hexen-Gedicht auf exzessive Weise ein verzerrt erscheinendes Phantasma von einer Frau. Diesem Hexen-Phantasma Butzbachs entsprechen die zuvor bereits erwähnten Aggressionen gegen Frauen und auch gegen prototypisch weibliche Körperteile, die mit unbewußten Aggressionen gegen die Mutter und gegen die Tante verknüpft sind.

Butzbachs Überich wirkt grausam. Man findet bei ihm kaum Passagen über Wohlbefinden, körperliche Ruhe und Entspannung, menschliche und gelebte Zuneigung etc. Wenn sich überhaupt Beziehungswünsche abzeichnen, dann in einer Sphäre, wie sie zu weit entfernten idealisierten Vorbildern möglich ist. Er bleibt damit näher an realen Beziehungen als die Mystiker, allerdings zeigt sich nirgendwo eine normale gelebte Beziehung zu einem Menschen. Seine mönchische Lebensweise und seine exzessiven - wenngleich literarisch sublimierten - Aggressionsentbindungen an verzerrten Phantasmen verweisen auf archaische Überich-Vorläufer.

Die narzißtischen Persönlichkeitszüge Butzbachs bestehen u. a. in seinem selbstgerechten Moralisieren, seiner Bewunderung für distanzierte exzessiv idealisierte Vaterfiguren und seiner deutlich werdenden Kränkung durch die angebliche Hexe, an der er seine narzißtische Wut erleben und geradezu ausleben kann.[72]

 

Die Überiche Soests, Butzbachs und weiterer Autoren, die als Kind Weggaben erlebten, sind erheblich integrierter als die der Mystiker. Die Konflikte sind weniger archaisch, Halluzinationen treten selten auf (wenngleich bei einigen in Streßphasen durchaus nachweisbar), Beziehungen zu realen Personen werden eher eingegangen. Bei Kränkungen zeigen sich massive Aggressionsentbindungen gegen externe Objekte.

 

Die neurotische Persönlichkeit

 

Die neurotische Persönlichkeitsstruktur soll hier nur kurz umrissen werden, wobei die Abhebung von den ersten beiden Formen zentral ist. Neurotische Persönlichkeiten verfügen über eine erheblich reifere Impulskontrolle und reifere Abwehrmechanismen. Diese basieren auf der Verdrängung, während (insbesondere) Borderline-Persönlichkeiten durch den massiven Einsatz der Spaltung gekennzeichnet sind. Neurotische Persönlichkeiten sind fähiger zur Einfühlung und zum Empfinden zugewandter Gefühle für andere, als die beiden zuvor skizzierten Persönlichkeitstypen.

 

Felix Platter (1536-1614)

 

Felix Platter wuchs in einer protestantischen Familie auf. In seiner Kindheit spielte Weggabe keine bzw. nur eine untergeordnete Rolle. Er lebte jedenfalls bis zu seinem 17. Lebensjahr in seiner Familie. Materiell ging es den Platters gut. Felix‘ Kindheit war gekennzeichnet durch die Betreuung durch eine Amme bzw. ein Kindermädchen, durch die äußerst strenge Beaufsichtigung durch den Vater, dessen Erzeugung von Schuldgefühlen, dessen schwere Schläge und Nicht-Dulden von jeglicher Form von Ungehorsam.

Als der etwa 10jährige Felix seinem Vater einmal ein Messerchen zerbrochen hatte, lebte er monatelang in massiven Schuldgefühlen.[73] Gleichzeitig getraute er sich nicht, das Ganze seinem Vater zu sagen. Wie massiv der Vater Schuldgefühle erzeugen konnte, zeigt sich in folgender Passage in einem Brief an den 19jährigen Felix, der in Montpellier Medizin studierte. Der Vater benutzt den Pesttod der Schwestern von Felix, um ihn zum Studieren anzutreiben:

 

„(...) oh, daß Gott wolle, daß ich das [Promotion und Heirat des Sohnes] erlebe mit samt deiner lieben Mutter, und daß dieses alles zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Nächsten geschehe, sonst wollte ich, du wärest auch mit deinen anderen Schwesterlein längst vergraben.“

 

„Denn das sollst du wissen, wenn ich wüßte, daß du deine Zeit etlichermaßen solltest verschlampen, so väterlich ich es jetzt mit dir meine, so unbarmherzig würde ich gegen dich werden, und sollst wohl anfangen, daß dir nicht wohl käme, darum so hüte dich, ich vertraue dir wohl, und du freust uns.[74]

 

Der Vater erpreßte hier seinen Sohn regelrecht. Die Internalisierung derartiger Forderungen kennzeichnete Felix Platters Überich.

Felix Platter litt zeitlebens an einer „Ring-Phobie“: Er konnte keine Ringe ansehen oder anfassen, ohne massive Ekel-Reaktionen zu erleiden.[75] Man muß dies im Zusammenhang damit sehen, daß er ein berühmter Arzt war und zu den ersten gehörte, die Leichenöffnungen vornahmen. Die Genese des Ring-Ekels steht im Zusammenhang mit einer überbordenden Kastrationsangst bei sexuellen Regungen. Die Phobie basiert auf einer Verdichtung aus mehreren Kindheitsszenen: Platter wurde von einer Amme gefüttert, die einen verstümmelten Finger hatte. Seine Mutter schnitt ihm einmal in den Finger. Seine Schwester erschreckte ihn mit Ringen aus einer zerschnittenen Gurgel, und Felix erlebte als Kind, wie ein Sexualstraftäter enthauptet wurde. Die einzelnen Elemente dieser Szenen verdichtete er zur Phobie. Er vermied dadurch symbolisch das vaginale Ring-Objekt, um der gefürchteten Kastration zu entgehen.

Platter wies darüber hinaus diverse neurotische Konfliktlösungen auf. Er neigte zur Intellektualisierung, Affektisolierung und Verschiebung, wie im folgenden illustriert wird. Felix Platter wurde von seinem Vater geradezu bestimmt, ein Arzt zu werden.[76] Dadurch wurde er für seinen Vater ein emotional unglaublich wichtiger Delegierter im Sinne Stierlins. Als Problem tauchte dabei aber auf, daß Felix bereits als Kind zu Ekelreaktionen neigte. Er versuchte daher, zu einer Art psychischer Abhärtung zu gelangen. Er schreibt, daß er gerne bei Schlachtungen zugesehen und sich die inneren Organe genau betrachtet hat: „Deshalb habe ich mich sehr darauf gefreut, sooft man Schweine gemetzgt hatte und allzeit sehr um eine Erlaubnis gebeten, damit ich dem Metzger fleißig mochte zusehen, als er die inneren Glieder zerteilte und damit umging.“[77] Die artikulierte „Freude“ darf wohl als nachträgliche Einfügung verstanden werden, die auf massiven Reaktionsbildungen beruht. Nicht nur hier, sondern auch bei späteren Darstellungen etwa von Hinrichtungen hat er einen extrem kühlen Darstellungsstil, der seine Herkunft von gerade entgegengesetzten Gefühlen verrät. So ließ er einmal einen Vogel zur Ader, der daraufhin starb. Platter schreibt, daß er darüber lange bekümmert war, was seinen zunächst vorhandenen Konflikt zwischen Emotion und kalter Professionalität nochmals hervorhebt. Platter war zu dieser Zeit etwa 14 oder 15 Jahre alt.

Als Erwachsener konnte Platter bei der Erreichung persönlicher Ziele mitunter rücksichtslos agieren, etwa wenn er seine Stiefmutter dazu zwingen wollte, ihm die Kinder, die sie mit seinem Vater hatte, in Obhut zu geben. Felix Platter brachte so seine Halbgeschwister gleichsam in seinen Besitz. Er selbst blieb kinderlos und war evtl. - wie Casimir Bumiller und ich vermuten - sexuell impotent.[78]

Felix Platters Überich ist streng und weitgehend integriert, seine neurotischen Konflikte behindern sein außerfamiliäres Leben nur wenig, scheinen aber seine persönliche Beziehungsfähigkeit doch sehr weitgehend beeinflußt zu haben. Seine Ehe beispielsweise scheint unglücklich verlaufen zu sein.

Auffällig ist, daß dieser bedeutende Arzt sich nur äußerst wenig dem massiven Einfluß seines Vater entziehen konnte und zeitlebens ein gehorsamer Sohn blieb. Wenn sich Kritik am übermächtigen Vater findet, dann niemals direkt, sondern immer nur unterschwellig.

 

Andreas Ryff (1550-1603)

 

Andreas Ryff wuchs wie Platter in einer protestantischen Familie auf. Er wurde als Kind geschlagen und mit 10 Jahren für mehrere Jahre in die Lehre außer Haus gegeben. Es fand also eine Art später und milderer Weggabe statt. Auffällig sind bei Ryff seine Identifikation mit harten und prügelnden, immerhin aber zuverlässigen Vater-Figuren in den Ersatzfamilien. Ryff wurde mit etwa 12 Jahren für drei Jahre bei einem Gewürzkrämer untergebracht. Dieser Gewürzhändler schlug ihn im Jahr ca. 30 Mal mit der Rute blutig.[79] Die Ursache für die Prügelstrafen waren dabei geringe Vergehen, wie etwa ungenügendes Auswischen des Ladens. Die Bestrafungen wurden darüber hinaus ritualisiert. So schickte der Krämer die übrigen Angestellten in die Kirche, ließ Ryff aber zu Hause bleiben und vollzog dann seine Bestrafungsakte. Ryff beschwerte sich trotzdem nicht, weil ihm der Nutzen dieser Stelle derart wichtig ist, daß er die Bestrafungen in Kauf nahm. Er äußert sich positiv über die Frau des Krämers, die ihm gewogen war, und er lobt den Krämer für seine christliche Zucht. Es ist nicht klar, ob derartige Identifikationen mit dem Aggressor eher bei intrusiven oder bei ambivalenten Erziehungsformen anzutreffen sind. Es scheint sich abzuzeichnen, daß das Gefühl, zur Familie des Krämers zu gehören, so wichtig für Ryff war, daß er die sadistischen Züge des Mannes in Kauf nahm. Dies wiederum wirft ein Licht auf Ryffs Herkunftsfamilie.

Der Vater scheint Ryff eine gewisse Fürsorge entgegengebracht zu haben. Er wollte, daß sein Sohn später studiert und richtete ihm ein eigenes Zimmer ein, mit der Absicht, daß sein Sohn Interesse an Bildung entwickelt. Außerdem bekam Ryff Unterricht von Hilfslehrern. Ryff lehnte die Schule aber ab. Seine eigene Mutter erwähnt Ryff praktisch nie, was vermutlich auf gravierende Konflikte mit ihr hinweist.

Ryff scheint seine gesamte Autobiographie geschrieben zu haben, um seiner unglücklichen Liebe zu einer Frau, der Tochter seines Lehrherren, ein Denkmal zu setzen.[80] Er beschreibt auf 10 Druckseiten dieses Drama. Die Eheschließung beider wurde verhindert, weil beide Elternpaare jeweils von ihren Kindern verlangten, daß sie bei den Eltern wohnen blieben. Ryff wird bei der Beschreibung sehr deutlich und emotional. Das Beschreiben derartiger Gefühle in direktem Bezug zu einem Beziehungspartner - und nicht etwa gerichtet auf Phantasmen religiöser oder sonstiger Provenienz - sowie die deutliche Artikulation der Trauer ist sehr selten in den historischen Autobiographien. Sie verweist auf eine integrierte Persönlichkeit, die einen reifen Umgang mit derartigen Gefühlen erlaubte.

Ryff konnte sich zwar dem Einfluß seines Vater nicht entziehen und blieb gehorsam - genau wie Felix Platter. Immerhin wird er an manchen Stellen in der Kritik deutlicher. So schreibt er ganz klar: „In summa, alldieweil ich unter der Rute gewesen, habe ich nicht anzeigen dürfen, was ich gedacht habe und wohin mich das Licht der Natur gewiesen hat.“[81] Erziehung von kleinen Kindern wird hier als die Zeit „unter der Rute“ bezeichnet, was das Vorkommen von Schlägen in dieser speziellen Familie dokumentiert.

Später, nach der unglücklichen Liebe, lebte er wieder bei seinen Eltern und arbeitete im Geschäft des Vaters. Die Zusammenarbeit mit dem Vater war konfliktreich. Dieser versuchte, die Art der Arbeit und des Handels zu bestimmen, und Ryff bat ihn erfolglos, doch alleine entscheiden zu können. Ryff beschreibt seinen Wunsch nach Verlassen der Familie: „(...) und gedachte etliche Male hinwegzuziehen und mich in Herrendienst zu begeben, welches aber meinem Herz jederzeit widersprochen (...).“[82] Ryff blieb aber letztlich bei seinem Vater und zeitlebens ein gehorsamer Sohn. Ryffs Überich ähnelt dem Felix Platters, ist vielleicht sogar etwas integrierter.

 

Hermann von Weinsberg (1518-1597)

 

Weinsberg hatte die mit Abstand zugewandteste Kindheit in der Stichprobe. In der Familie Weinsbergs spielte Weggabe keine Rolle, im Gegenteil: Die Familie nahm sogar weitere Kinder aus der Verwandtschaft der mütterlichen Seite auf. Insbesondere Weinsbergs Beziehung zu seinem Vater trägt - als einzige der Stichprobe - moderne Züge. Dagegen gab es in der Mutter-Kind-Beziehung emotionale Probleme und archaische Züge. So entwöhnte etwa die Mutter ihren halbjährigen Sohn, indem sie ihre Brüste schwarz färbte und ihn dadurch erschreckte.[83] Immerhin war sein Vater ihm zugewandt. Den 18 Monate alten erkrankten Säugling tröstete der Vater, der dazu aufstehen mußte:. „(...) und wie mir oft gesagt wurde, war ich damals gar ungeduldig und lästig gewesen, daß mein Vater nachts oft hat aufstehen müssen, mir auf einem Becken gespielt und gepfiffen, daß ich schweigen sollte.“[84] Diese Szene ist in den historischen Autobiographien einmalig.

Beide Eltern schlugen ihr Kind, allerdings schlug die Mutter offensichtlich häufiger. Als sie den 6jährigen Weinsberg einmal sehr geschlagen hatte, rannte er zu seinem Vater und beklagte sich:

 

„(...) und wie ich ihm [dem Vater] mein Elend klagte, daß ich geschlagen worden war, hob er an, seine Kurzweil und Scherz mit mir zu treiben und sagte zu mir: »Wohlan, was rätst du dazu? Wollen wir deine Mutter aus dem Haus treiben, oder wollen wir oben auf dem Saal wohnen und deine Mutter unten im Haus wohnen lassen?« Darauf sagte ich: »Laßt sie unten wohnen und uns oben.« Und dies gefiel meinem Vater wohl, daß ich sie nicht vertreiben lassen wollte um eines bißchen Schlagens willen.“[85]

 

Das Mutter-Sohn-Verhältnis scheint wiederum konfliktreicher als das Vater-Sohn-Verhältnis. Weinsberg erwartet von seinem Vater Unterstützung und Hilfe, andernfalls würde er gar nicht erst versuchen, sein Verständnis zu erhalten. Die Szene zeigt weiter, daß Weinsberg sich nicht einfach mit den Handlungsweisen der Mutter identifizierte, sondern in der Lage war, sie zurückzuweisen. Die Aufrechterhaltung dieser Distanzierung wird durch die Reaktion des Vaters ermöglicht. Weinsberg wird dadurch nicht gezwungen, generell den Standpunkt der Eltern einzunehmen, sondern erlebt, daß es mehr als eine Sichtweise der Wirklichkeit gibt.

Weinsberg war sehr auf den Vater fixiert und relativ wenig autonom ihm gegenüber. Dies hängt auch damit zusammen, daß er seine Mutter als emotional unzuverlässig erlebte. Jedenfalls reagierte Weinsberg mit Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen bei massiveren Konflikten mit dem Vater.[86] Trotzdem scheint mir seine Persönlichkeit und auch sein Überich als das integrierteste im Sample, wie ich im folgenden verdeutlichen will.

1536, als Weinsberg 18 Jahre alt war, glaubte seine Mutter, verhext zu sein.[87] Herz- und Brustschmerzen führte die Mutter auf eine vermeintliche Hexe zurück, eine Frau aus der Nachbarschaft. Auffällig ist die Tatsache, daß die Mutter sich an derjenigen Körperregion von einer Frau verzaubert fühlte, die für ihren Sohn bei der Entwöhnung erschreckend-schwarz gefärbt worden war: die Brust. Diese Körperregion ist in hochbesetzte frühkindliche Szenen involviert, deren Internalisierung unbewußte Strukturierungen nach sich zieht. Die Brustschmerzen der Mutter Weinsbergs können somit als Ausdruck für problematische Beziehungserlebnisse innerhalb der eigenen frühen Mutter-Kind-Interaktionen verstanden werden. Insofern wäre zu vermuten, daß Weinsbergs Mutter auf psychosomatische Weise möglicherweise eigene Traumata oder Deprivationen im Zusammenhang mit Stillerlebnissen reinszenierte. Die aversive Entwöhnung ihres Sohnes und die psychosomatischen Brustschmerzen, die in einen magischen Zusammenhang gestellt werden, wären somit Folgen der gleichen Ursachen in der Kindheit der Mutter. Die vermeintliche Hexe ist wohl als Repräsentantin ihrer frühen Mutter im Zusammenhang mit mißlingenden Objekterfahrungen anzusehen. Ihr Umgang mit der Nachbarin basierte demnach auf einer magisch-projektiven Konfliktverarbeitung, deren Wurzeln in problematischen Sozialisationserfahrungen in der eigenen Kindheit vermutet werden können.

Weinsberg und sein Vater wollten der Mutter diese „Phantasie“[88] ausreden. Die Mutter bestand aber darauf, ihre Schmerzen mit christlichen und magischen Methoden zu behandeln: Sie ließ Messen im Dom lesen und besorgte sich Knochen, die schon lange in der Erde vergraben waren, zu Heilzwecken. Vater und Sohn entwickelten dagegen die Theorie, daß die Brustschmerzen vom Spinnen kamen. Der Mutter teilten sie mit, sie solle die einseitige Belastung vermeiden. Sie folgte dem Rat, und daraufhin trat tatsächlich eine Besserung ein.

Weinsbergs Reaktion auf die Phantasien der Mutter entsprach seinen Besetzungen der beiden elterlichen Objekte. Es gelang ihm, seine vermutlich problematischen Früherfahrungen mit seiner Mutter dadurch zu kompensieren, daß er sich mit dem realistischeren und auch emotional zugewandteren Vater identifizierte. Tatsächlich läßt sich nicht eine einzige sinnvolle und zugewandte Interaktion mit der Mutter rekonstruieren, dagegen sprechen mehrere rekonstruierbare Interaktionen mit dem Vater schon im Kleinst­kindalter für eine (in heutigem Sinne!) weitgehend normale Zuwendung. Die Auswirkung dieser Zuwendung auf Weinsberg im Sinne der Entwicklung einer integrierten Persönlichkeit lassen sich im folgenden demonstrieren.

Weinsberg artikulierte selten echte eigenständige Stellungnahmen zu politischen oder weltanschaulichen Fragen. Zum Problem der Existenz von Hexen und Magie äußerte er sich allerdings recht dezidiert. Er nahm zwar keine ausdrückliche Position ein, etwa indem er schreibt, daß es Hexen nicht gibt. Aber er schreibt, daß es „böse Leute“ seien, die andere Personen der Zauberei beschuldigten und sie dadurch in Verruf brächten.[89] Er erkannte also die sozialen Ursachen und Folgen der Denunziationen. Er analysierte sogar, wie das Gerücht entsteht, daß jemand eine Hexe sei und wie sich die Evidenz lediglich durch den Verdacht sowie dessen ungeprüfte Weitergabe ergibt. Seine hier echt moderne Skepsis hing mit seiner Beziehung zum Vater und dessen Ansichten zusammen und entsprach einer Distanzierung von den magischen Auffassungen seiner Mutter. Zu den „bösen Leuten“, die den Verdacht ungeprüft aussprechen, wäre auch die Mutter zu zählen. Weinsberg trennte den Kommentar zum Hexenwahn (4. Band) von seiner Darstellung der Szene mit der sich verzaubert glaubenden Mutter (1. Band), der Zusammenhang ist aber deutlich. Vermutlich verwendete Weinsberg seine Identifikation mit dem Vater zur Verteidigung gegen ein für ihn unberechenbares mütterliches Objekt, das ihm weit größere Angst machte. Daher unterwarf er sich wohl auch den väterlichen Vorgaben so weitgehend.

 

Wegen dieser eigenständigen Distanzierung von den magischen Glaubenssystemen seiner Umwelt durch die ihm mögliche Identifikation mit einem zugewandten Vater möchte ich die Persönlichkeit Weinsbergs von der der anderen Autobiographen absetzen. Der erheblich gebildetere Felix Platter etwa war sehr dämonengläubig.[90] Weinsbergs Persönlichkeit soll daher als (im eigentlichen Sinne) neurotische verstanden werden; Felix Platters Persönlichkeit (und vergleichbarer Autobiographen) soll demgegenüber als archaisch-neurotisch bezeichnet werden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß bei der archaisch-neurotischen Persönlichkeit infolge eines sehr strengen Überichs kaum Duldung für bewußte regressive Tendenzen besteht. Hinzu kommt, daß eine erheblich größere Tendenz zur sozialen Konformität besteht. Ryffs Persönlichkeit bildet m. E. einen Übergang zwischen den beiden hier gegenübergestellten Prototypen.

 

Der gleichzeitige Wandel von Kindheit, Persönlichkeitsstrukturen und Überich

 

Im folgenden wird diskutiert, was sich anhand des hier untersuchten Materials über den Wandel von Kindheit, Persönlichkeitsstrukturen und Überich aussagen läßt. Hierzu werden zunächst einige präzisierte Angaben zur Bildung des Samples gemacht. In bezug auf die Mystiker wurden sechs relativ eindeutig als Autobiobiographie bezeichenbaren Texte ausgewählt.[91] In bezug auf die säkularen Autobiographen wurden alle deutschsprachigen Autobiographien im Zeitabschnitt untersucht, die mehr als nur wenige Sätze über Kindheit enthalten.[92] Es ist nicht ganz klar, wieviele Autobiographien die genannten Kriterien erfüllen und trotzdem nicht in das Sample gelangt sind. Aufgrund der in den einschlägigen Sammelwerken immer wieder genannten Autobiographien ist jedenfalls zu schließen, daß der Großteil der existierenden Autobiographien untersucht wurde, die überhaupt Darstellungen der Kindheit enthalten.[93]

Es ist nun zu fragen, inwiefern die n=20 Autobiographen den Wandel bzw. die Evolution von Kindheit und Persönlichkeitsstrukturen in der damaligen Gesamtbevölkerung repräsentieren. Der hier gewählte Zugang zur Kindheit basiert auf Autobiographien. Das Herstellen von Texten war damals nur einer winzigen Bevölkerungsgruppe möglich. Diese extreme Selektion zwingt zur Vorsicht beim Schluß von der Stichprobe auf die Population. Für die säkularen Autobiographien gilt klarerweise, daß sie ein Bild der Kindheit ergeben, daß für die weitaus privilegiertesten Personen ihrer Zeit gilt. Diese Annahme ergibt sich dadurch, daß (a) jeder Autor einer Autobiographie seine Kindheit überlebt hatte; (b) lesen und schreiben konnte; (c) zur Zeit der Abfassung der Autobiographie einer gehobenen Schicht angehörte und über Ressourcen verfügte, eine Autobiographie zu schreiben und (d) keine schwerwiegenden seelischen oder geistigen Defekte hatte, die ihm eine Abfassung der Autobiographie unmöglich machte. Mit zumindest gesteigerter Wahrscheinlichkeit gilt in bezug auf den Autor, daß er (e) einer privilegierten Schicht angehörte; (f) ein Mann war; (g) über eine gute Bildung verfügt; (h) sich und sein Leben für besonders wichtig und mitteilenswert hielt und (i) den Wunsch hatte, eine Autobiographie zu verfassen.

Aus diesen Hypothesen